Warum ich in Deutschland bleibe

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Warum ich in Deutschland bleibe
(unsere Familie generiert mit DALL-E)

Gestern Abend saß ich mit meinen Kindern am Esstisch.

Mein Sohn, dreiundzwanzig, war fasziniert von dem Wahlergebnis. Meine Tochter, neunzehn, war zutiefst besorgt. Ich saß dazwischen und habe versucht, beide zu beruhigen — und beide zu verstehen.

In diesem Moment wurde mir klar: Ich kann und will meine Gedanken über dieses Land nicht länger nur an unserem Esstisch teilen.

Warum jetzt

Den Wunsch, meine Erfahrungen als Deutsche mit Migrationshintergrund aufzuschreiben, trage ich schon lange mit mir herum. Aber wie das mit meinem ADHS oft so ist: Man schiebt Dinge vor sich her, bis der nötige Druck da ist. Manchmal braucht es eine Not, eine Krise, um endlich den Startknopf zu drücken.

Dieser Auslöser ist jetzt da. Am 6. September 2026 hat Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent — der höchste Wert, den die Partei je bei einer Landtagswahl erreicht hat. Die CDU halbierte sich auf 17,2 Prozent. Und die Wahlbeteiligung lag mit 77,8 Prozent auf Rekordniveau.

Das Letzte ist die Zahl, die mich am längsten beschäftigt hat. Das waren keine Protestwähler, die aus Versehen ins Wahllokal gestolpert sind. Da sind Menschen bewusst hingegangen.

Mein Sohn fand das Ergebnis spannend. Meine Tochter hat es erschreckt. Beide haben ihre Gründe, und ich will beide verstehen, statt einen von beiden zu belehren.

Aber schweigen will ich nicht mehr.

Warum ich das tue: aus Liebe zu diesem Land

Ich habe mich vor 27 Jahren ganz bewusst für Deutschland entschieden. Ich hätte überall auf der Welt leben und arbeiten können, aber ich habe mich für diesen Standort entschieden. Ich habe es nie bereut — und ich würde mich heute wieder genauso entscheiden.

Aber ich mache mir Sorgen. Um die Zukunft meiner Kinder und um die Zukunft dieses Landes.

Zurück in die Türkei kann und will ich nicht; dafür bin ich durch mein Leben hier viel zu sehr verwurzelt. In ein anderes Land auswandern will ich auch nicht.

Und dann ist da noch etwas, das ich nicht loswerde.

Im Mai 1939 lief ein Schiff von Hamburg aus, die St. Louis. An Bord waren 937 Menschen, fast alle jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Kuba verweigerte dem Schiff das Anlanden. Die Vereinigten Staaten ließen die Passagiere nicht an Land, obwohl das Schiff so nah an Florida vorbeifuhr, dass die Lichter von Miami zu sehen waren. Kanada ebenfalls nicht. Das Schiff musste zurück nach Europa; vier westeuropäische Länder nahmen die Passagiere schließlich auf. 254 von ihnen wurden später im Holocaust ermordet.

Ich behaupte nicht, dass wir wieder dort stehen. Das wäre unredlich, und ich glaube es auch nicht. Was ich sage, ist etwas anderes: Ich will nie in die Lage kommen, mich fragen zu müssen, ob es Zeit ist zu gehen. Und ich will nicht, dass irgendjemand in diesem Land sich das fragen muss.

Deshalb bleibe ich. Und deshalb streite ich für die Zukunft Deutschlands.

Wer spricht hier überhaupt?

Wenn ich über Migration, Arbeitswelt und Deutschland schreibe, tue ich das nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus 33 Jahren bei Siemens: sechs davon in Istanbul, die übrigen 27 hier in München. Ich habe Elektrotechnik und Politikwissenschaft studiert, war lange mit einem niederländischen Ingenieur verheiratet und habe hier zwei Münchner Kinder großgezogen.

Ich kenne die Hallen und die Führungsetagen der deutschen Wirtschaft von innen. Ich kenne den täglichen Bürokratie-Wahnsinn. Und ich kenne die Blicke, wenn man trotz Qualifikation wieder in eine Schublade gesteckt wird.

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich extrem viel verändert — in der Welt, in der Technologie, auf den Märkten. Nur wir tun uns mit Veränderung nach wie vor schwer. Wir zögern, wir zaudern, wir sichern uns lieber dreifach ab, statt einmal mutig nach vorn zu gehen.

Wie teuer uns dieses Misstrauen zu stehen kommt, habe ich vor ein paar Wochen im Fernsehen begriffen.

Im „Kölner Treff" vom 28. August saß Abdul Kader Chahin, Comedian und deutscher Poetry-Slam-Meister, geboren in Siegburg als Kind palästinensischer Geflüchteter, aufgewachsen in einem Asylheim in Duisburg-Marxloh. Er erzählte, dass seine Eltern zwanzig Jahre lang keine Arbeitserlaubnis bekommen haben.

Zwanzig Jahre. In dieser Zeit habe ich zwei Kinder bekommen, großgezogen und bis kurz vors Studium begleitet.

Ich habe das nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte. Und musste feststellen: Es ist kein Einzelfall. Von den Menschen, die in den Achtzigern und Neunzigern aus dem Libanon und den umliegenden Kriegen kamen, wurden nur wenige als asylberechtigt anerkannt — sie flohen vor Bürgerkriegen, nicht vor persönlicher Verfolgung, und dafür war das Asylrecht nicht gemacht. Die Mehrheit bekam eine Duldung. Und dann noch eine. Und noch eine.

Es gibt ein Wort dafür: Kettenduldung. Der Aufenthalt wird immer nur für ein paar Monate erlaubt, dann wieder, jahrzehntelang. Noch vor wenigen Jahren lebten so rund 140.000 Menschen in Deutschland.

Und jetzt kommt der Teil, der mich als Ingenieurin wirklich fassungslos macht: Dieses Arbeitsverbot hat nie jemand beschlossen. Es entsteht. Aus einer Vorrangprüfung, bei der erst geschaut wird, ob nicht doch ein Deutscher den Job haben will. Aus einer Passpflicht, an der alles hängt. Aus dem Vorwurf, bei der Passbeschaffung nicht genug mitgewirkt zu haben — woraufhin ein förmliches Arbeitsverbot ausgesprochen werden darf. Jeder Schritt für sich ist begründbar. Zusammen ergeben sie ein Leben ohne Arbeit. Und am Ende gibt es niemanden, der dafür verantwortlich wäre.

Ich bin durch die andere Tür gekommen. Mein Arbeitgeber hat mich geholt. Es gab einen Vertrag, einen Umzug, eine Ansprechpartnerin. Niemand hat mich gefragt, ob ich hier arbeiten darf — man hat mich darum gebeten.

Dieselben Behörden, dasselbe Land, zwei völlig verschiedene Republiken. Der Unterschied zwischen Herrn Chahins Eltern und mir war nicht Fleiß, nicht Qualifikation, nicht der Wille, etwas beizutragen. Der Unterschied war ein Stempel.

Ein Land, das so viel Energie darauf verwendet, arbeitswillige Menschen am Arbeiten zu hindern, hat kein Bürokratieproblem. Es hat ein Misstrauensproblem. Und wenn wir so weitermachen, verspielen wir genau das, was dieses Land einmal stark gemacht hat.

Warum ausgerechnet „Die Gastarbeiter 2061"?

Das Wort Gastarbeiter verbindet man mit den sechziger Jahren, mit Schwarz-Weiß-Fotos und Arbeit auf Zeit. Mit Menschen, die man geholt hat und die eigentlich wieder gehen sollten.

Ich nehme diesen Begriff und katapultiere ihn hundert Jahre weiter, ins Jahr 2061.

Denn die Frage ist nicht, woher wir gekommen sind. Die Frage ist, was wir hier bauen.

Ich möchte auf diesem Blog Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse teilen — rund um drei Dinge:

Warum wir aufhören müssen zu zögern. Wie wir wieder Mut zur Veränderung bekommen und Hürden abbauen, statt uns im Misstrauen zu verheddern.

Eigeninitiative statt Opferrolle. Warum wir als Zugewanderte und deren Nachkommen nicht auf Erlaubnis warten dürfen, sondern selbst als Arbeitgeberinnen, Gründer und Macher Verantwortung übernehmen müssen.

Meine Vision für 2061. Ein Deutschland, das seine Grundwerte schützt, seine Chancen nutzt, und in dem meine und Ihre Kinder voller Zuversicht leben und gestalten können.

Ich will keine trockenen Vorträge halten. Ich möchte erzählen, Gedanken anstoßen, manchmal mit einem Augenzwinkern provozieren — und mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Ihre Runde

Und damit sind Sie dran: Was wird bei Ihnen am Esstisch besprochen, und was bleibt unausgesprochen? Schreiben Sie es in die Kommentare oder antworten Sie mir direkt per Mail.

Wenn Sie lieber hören als lesen: Es gibt diesen Blog auch als Podcast, gesprochen von mir. [Player oder Link einfügen]

Willkommen bei Die Gastarbeiter 2061. Schön, dass Sie da sind.